Montag, 15. August 2011

Lesergedanken zu Juli Zeh

Neulich habe ich ein paar freie Abende benutzt, um endlich zwei Bücher zu lesen, die bei mir schon lang herumliegen: "Adler und Engel" und "Alles auf dem Rasen", beide von Juli Zeh, die inzwischen wahrscheinlich jeder kennt. Das erste ist ihr Debütroman, das zweite eine Essaysammlung zu unterschiedlichen Themen.

Für mich ist "die Zeh" besonders interessant, weil wir uns von der Biographie her so ähnlich sind: Beide Jahrgang 1974, beide Juristinnen, beide Schwerpunkt Völkerrecht. Lustigerweise haben wir auch beide bei demselben Jura-Aufsatz-Wettbewerb gewonnen, in unterschiedlichen Jahren. Sie hat allerdings die Juristerei eher an die zweite Stelle gerückt, hat in Leipzig Literatur studiert und betreibt ihre Promotion nach eigener Aussage "als Hobby", wenn ich mich recht erinnere. Na, und natürlich schreibt JZ "richtige Literatur", die "richtige Buchpreise" bekommt. Während ich mir so meine verträumten kleinen Welten zusammenspinne, wo man schon sehr tief graben muss, um zeitgeschichtlich Relevantes zu finden (immerhin, man kann es finden, wenn man will ...) ;-)

Jedenfalls, ich hatte viel erwartet oder vielleicht sogar gefürchtet - immerhin wurde JZ vom "Focus" neulich unter die fünfzig wichtigsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart gerechnet. Aber das Gefühl nach dem Lesen beider Bücher war - eigenartig, verwundert. Ich weiß nicht, was genau ich erwartet hatte ... Es muss  mehr gewesen sein oder doch etwas deutlich anderes.

Die Grundidee von "Adler und Engel" ist interessant - der junge, karrieregeile Völkerrechtler, der hinter seiner Top-Kanzlei und deren internationalem Wirken üble Machenschaften entdeckt, plus rührend-sonderbare Liebesgeschichte, Drogenverwirrungen und dergleichen obendrauf - aber, nun ja: Das Grundthema ist spätestens seit "Die Firma" ja doch hinlänglich bekannt. Und dass das "Außen hui, innen pfui" auch auf  vordergründig so menschenfreundliche, friedenschaffende Organisationen wie UN und EU zutreffen kann,  ist nicht wirklich überraschend. Dabei liegen die eigentlichen Schwierigkeiten auf dem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit vielleicht weniger in der Verzahnung von Politik, Recht und Drogenhandel, wie "Adler und Engel" das exemplifiziert - mir scheint das Ganze doch wesentlich komplizierter zu sein. Gerade von einer Völkerrechtlerin hätte ich eigentlich eine subtilere, vielschichtigere Herangehensweise erwartet. Aber vielleicht ist es just dieses "Geradeausstreben", was die Kritik so wunderbar "ruppig" und "mutig" fand ...? 
Ich fand es nicht, weder das eine noch das andere. Ja, manches an den Figuren hat mich berührt, manche Ideen waren nachdenkenswert; und vielleicht kann man eigentlich gar nicht mehr erwarten als das. Aber ich habe andererseits wesentlich "schlechtere" Bücher gelesen, will sagen: ohne Preise und ohne begeisterte Besprechungen in FAZ und SZ und wie sie alle heißen, die einen wesentlich tieferen Eindruck hinterlassen haben.

Der Essayband "Alles auf dem Rasen" hat mich nur noch verwirrter zurückgelassen. Ja, die Artikel sind intelligent und gut geschrieben, nun, davon war ich schon ausgegangen bei einer Schriftstellerin und Juristin. Und die sehr dezidierten Meinungen, die JZ zu allen möglichen Themen vertritt, sind natürlich deutlich angenehmer zu lesen als politisch korrektes Herumgeeiere, wie man es sonst so oft ertragen muss. Aber - hatten wir im Jurastudium nicht eigentlich mal gelernt, alles von mindestens zwei Seiten zu betrachten? Ist denn Provokation alles, worauf es heute ankommt? Und wenn  - wäre es dann nicht vielleicht spannender, etwas wirklich Provokantes zu lesen statt einfach nur eine bestimmte Meinung zu einem bestimmten Thema, besonders vehement vertreten?

Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin eigentlich ratlos, was ich mit diesen beiden Büchern für mich anfangen soll. Selbst jetzt, etliche Zeit nach der Lektüre, frage ich mich immer noch, was ich wohl aus ihnen lernen, "mitnehmen" könnte, wie man so sagt. Dass die Welt unter der Oberfläche ein noch viel unerfreulicherer Ort ist, als man so vermutet? Dass es auf den Internaten hierzulande noch schlimmer zugeht, als man schon immer geahnt hat? Dass Laien und Juristen sprachlich nie auf einen Nenner kommen können und Frau Merkel zwar eine erfreulich weibliche, aber nicht unbedingt eine gute Bundeskanzlerin ist? 

Hm ... auf die Gefahr hin, naseweis zu wirken: Das wusste ich schon.

Als dann für heut -
Lilach