Donnerstag, 3. März 2011

Zinkenkunde Teil II: Sonne, Mond und Sterne ... und die Erzählstruktur des "siebten Schwans"

In meinem ersten Teil der "Zinkenkunde" habe ich es ja bereits angesprochen: Auch die Symbole von Sonne, Mond und Sternen spielen in den Zinken eine wichtige Rolle - und natürlich nicht nur dort, sondern entsprechend auch in der Geschichte selbst. Ich war eigentlich, um ehrlich zu sein, davon ausgegangen, dass man diese Grundstruktur beinahe zu leicht entdecken würde, zumal mit den Zinken als "optischem Hilfsmittel"; aber ich habe nun beim Streifen durch das Internet mitbekommen, dass vielen die Grimm'sche Märchenwelt heute doch sehr viel fremder ist, als ich dachte. Deshalb an dieser Stelle eine etwas weiter gehende Erläuterung:

In der klassischen Struktur der Märchen, die dem "siebten Schwan" zugrunde liegen, macht das Mädchen, das seine Brüder sucht, eine ganz bestimmte Reise durch, nämlich von der Sonne zum Mond zu den Sternen - und schließlich zum berühmt-berüchtigten Glasberg, in dem es seine Brüder findet und um den Preis eines "Hinkelbeinchens" befreien muss. Hier ist eine der Quell-Stellen, meine liebste, aus den "sieben Raben":

"Nun ging es [das Mädchen] immerzu, weit weit, bis an der Welt Ende. Da kam es zur Sonne, aber die war zu heiß und fürchterlich, und fraß die kleinen Kinder. Eilig lief es weg und lief hin zu dem Mond, aber der war gar zu kalt und auch grausig und bös, und als er das Kind merkte, sprach er: »Ich rieche Menschenfleisch.« Da machte es sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besondern Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach: »Wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg, da sind deine Brüder.«"
 [Brüder Grimm, Die sieben Raben, zitiert nach: www.grimmstories.com]

Sonne und Mond sind dem Mädchen feindlich gesinnt, jeder auf seine Weise; die Sterne sind freundlich und hilfreich, und der Glasberg, das Reiseziel, verlangt (natürlich) ein Opfer. Alle diese Stationen haben ihre Entsprechung im "siebten Schwan" - man muss nur auf die Zinken achten, um der Reise folgen zu können. 

Ein Beispiel: der "Sonnenzinken".


Er gehört zum ersten großen Reiseabschnitt, in dem Minas Tante Elisabeth die zentrale Figur ist. Eine Person, von der sie sich Hilfe erhofft, diese aber nicht bekommt; und die obendrein noch ziemlich merkwürdig ist, um es milde auszudrücken. Die Tante entspricht der Sonne, die im Märchen heiß und gefährlich ist und "die kleinen Kinder frisst" (oh ja, auch das tut sie im Buch, gewissermaßen ...). Ihr sind im "Schwan" entsprechend die Farbe Gelb und das helle, gleißende Licht zugeordnet (ein kleiner Hinweis nebenbei: das Gelb ist auch insgesamt nicht ganz unwichtig, s. Rapsfelder und Ringelblumen ...) 

Die Sonne bzw. die Tante hilft Mina nicht, jedenfalls nicht direkt; und der Weg zu ihr, also zu "normalen Hilfsstellen" in der "normalen Welt", ist für Mina auch grundsätzlich der falsche. Deshalb teilt im Zinken die Sonne Minas Weg wie eine Art Schwert oder Speer. Man sieht aber auch schon, dass hinter ihr, also nach dieser Station, noch weitere Hindernisse auf Mina warten - deshalb wiederum die kleinen Querhäkchen, hier nur noch zwei statt drei (ein Hindernis, eben die Sonne, ist dann ja überwunden). Die dünneren Linien sind, wie bei den anderen Zinken, nur Dekoration.

Soweit die "Zinkenkunde mit Anhang" für heute; ich hoffe, es war nützlich.

Als dann!
Lilach