Montag, 21. Februar 2011

"Zinkenkunde" Teil I

Wie versprochen, werde ich heute damit anfangen, in loser Folge ein bisschen was "Hintergründiges" zum Siebten Schwan zu erzählen. Vielleicht ist es unüblich, sich als Autorin derart in die Karten blicken zu lassen bzw. sie noch von selbst aufzudecken - nun, ich bin ja neu im Betrieb, ich kann das ja nicht wissen ;-) Deshalb mache ich es einfach so, wie ich es für richtig halte. Und nach dem, was ich bisher so gehört habe, interessieren sich viele Leser dafür, mehr gerade über die Dinge zu erfahren, die im Buch höchstens angedeutet werden konnten. Dieses Interesse kann ich bestens verstehen, schließlich fand ich selbst diese Dinge so faszinierend, dass ich sogar darüber geschrieben habe - also, warum Geheimniskrämerei? Hier kommt nun dementsprechend meine 
Zinkenkunde Teil I:

Ich fange am besten damit an, einen der Zinken zu erklären, die ich im Buch verwendet bzw. für das Buch, zusammen mit der lieben Illustratorin, gebastelt habe. Es ist der allererste "wirkliche Zinken", d.h. derjenige, mit dem die eigentliche Geschichte beginnt; in meinen Dateien heißt er entsprechend Aufbruch.
Hier ist der Zinken:


Wir haben es hier, wie bei allen anderen Zinken, so gemacht, dass die dickeren Linien der eigentliche Zinken sind, während das dünnere Gewusel mehr der Ausgewogenheit dient und in aller Regel keine eigene Bedeutung hat. Aber, was wollen die Zinkenlinien nun sagen?
Wichtig ist zunächst zu wissen, dass sie alle Minas Weg durch die Geschichte betreffen. Damit lehnen sie sich stark an echte alte Zinken an, die meistens auch dazu verwendet wurden, die Reiserouten von bestimmten Personen zu beschreiben. Man benutzte sie zum Beispiel, um jemandem, den man später treffen wollte, zu sagen: Ich bin mit meiner Frau, meiner Geliebten und unseren fünf einäugigen Kindern am Ostersonntag in Innsbruck aufgebrochen, knapp einer Gendarmeriestreife entkommen und reise jetzt nach Possenhofen, um dort meine hundertjährige Tante und meine elf Schwager zu treffen
Für solche Wegbeschreibungen bieten sich natürlich Pfeillinien an, die ich nur ein wenig weiter stilisiert und mit einem anderen typischen Zinkenelement verbunden habe: dem Herzen und der Feder. Die Hauptlinie des Zinkens ist also wie ein verschlungener Pfeil zu verstehen, an dessen vorderem Ende das Herz sitzt und die Richtung angibt, die Feder stellt (meistens jedenfalls) das hintere Ende des Pfeils dar (und passte außerdem so schön zum Hauptthema des Buchs).

Allerdings gibt es in diesem Zinken Herzen auch am Anfang der Linie, sogar doppelt. Sie stellen den Ausgangsort der Reise da - ein ruhendes Herz, geteilt in Gefühl (unten) und Kopf (oben), offensichtlich nicht ganz eins mit sich und im Stillstand begriffen. Die Weglinie muss erst weit, weit ausholen, damit das Herz aus dem Stillstand herauskommt und sich schließlich auf den Weg macht - fort von daheim, ins Unbekannte, auf so unübersehbaren Windungen wie die Straße, die vom Gutshaus wegführt. Die Feder sitzt hier direkt hinter dem Herzen, das in Bewegung gerät, anstatt am Ende der Pfeillinie, weil Mina sich eben gerade erst aufmacht und weil es anders auch nicht gut möglich gewesen wäre, das doppelte Herz als Ausgangspunkt zu nehmen. Dies ist aber eben wichtig, weil die Reise, die Mina unternimmt, vor allem eine Reise von sich selbst weg - und am Ende zu sich selbst hin - ist.

Natürlich ist diese Reise voller Hindernisse bzw. Pforten, die durchschritten werden müssen. Die wichtigsten werden bereits in diesem ersten Zinken angedeutet: Es sind die drei Querschnörkel, die durch die Hauptlinie hindurchgehen. Solche Querlinien dienten auch bei den alten Zinken als Hindernismarkierungen. In Minas Geschichte sind dies, der zugrunde liegenden Märchenstruktur entsprechend, Sonne, Mond und Sterne. Auch sie werden später in den Zinken selbst auftauchen und u.a. jeweils anzeigen, in welchem Abschnitt von Minas Reise man sich befindet.

Soweit zum ersten, ich hoffe, ich habe mich halbwegs verständlich ausgedrückt. Nachfragen immer gern!
Als dann -
Lilach